Aus dem Tagebuch eines Trailscouts

Wir alle lieben sie: die besten Singletrails der Welt! Hoch über den Wolken, den felsigen Gipfel im Rücken und vor uns ein handbreiter Trail, der nicht enden soll. Aber wo sind sie nun, all die guten Trails?

Text: Roland Auferbauer

Die Seilbahn nimmt Mountainbiker nur bis zur Mittelstation mit. Dann geht‘s für mich an diesem Tag zum zweiten Mal auf der supersteilen Schotterstraße bergauf. Vor mir sehe ich noch drei Burschen das Bike schieben, ich schließe zu den denen auf und wir sind uns schnell einig, dass wir das gleiche Ziel haben. Es geht nicht um den Gipfel des Jakobhorns – den müssten wir uns ohnehin mit dem Dutzend Seilbahn-Touristen teilen – sondern um einen ausgesetzten Trail. Den wollen wir fahren. Und wir alle haben Respekt vor der Einfahrt, bei der kein Fehler passieren darf. Wir losen aus, wer als Erster fahren „darf“: Links geht‘s den felsdurchsetzten Hang so steil bergab, bei einem Sturz bleibst du da nicht mehr liegen. Ein handbreiter, feinschottriger Trail zieht durch den Hang, führt an einem Felsen herum und in ein paar Serpentinen auf den unter uns liegenden Almboden. Der erste Fahrer zeigt es vor: Beim Felsen kommt man vorbei – wenn auch nur knapp. Ich denke mir: „Nur nicht mit dem Lenker anstoßen!“ – Falsch gedacht! Niemals was Negatives denken, das geht gründlich daneben! Es kommt, wie ich es gedacht habe: Ich stoße mit dem Lenker am Felsen an, einen Moment lang kippt das Bike nach links außen, ich erkämpfe das Gleichgewicht, strecke den rechten Fuß vom Bike weg – Bodenkontakt will ich ehrenhalber auch noch vermeiden! – zirkle das Bike um den Felsen und erreiche die ersten Spitzkehre. Durchatmen, Kamera raus, Fotos machen. Weiter fahren.

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Rückblende: Ein kleinen Anzeige in einer Bike-Zeitschrift will es, dass ich nach einem kurzen email Jürg nun am Telefon habe und er mir sein Projekt erklärt. Wir sollen die besten Singletrails in verschiedenen Regionen der Alpen finden. Das Vorgehen ist ganz simpel: Man bleibt so lange in der Region, bis man jeden(!) Trail abgefahren ist. Und diese werden mit klar definierten Kriterien bewertet und in einer Karte eingezeichnet. Wir sind uns schnell einig, und legen die Regionen für das erste Jahr fest: Zillertal, Davos/Lenzerheide, Portes du Soleil und Valle Susa. Erst in der Kartenvorbereitung realisiere ich langsam, dass da viel Arbeit auf mich zukommt… Da sind die Verträge aber auch schon unterschrieben.

Bekanntes am Anfang

Das Zillertal kenne ich schon. War zum Bergsteigen, Klettern und Biken hier. Fügen war im Winter davor der Endpunkt einer Skitourendurchquerung der Kitzbühler Alpen. Zum Auftakt meines Trail-Sommers hat es lockere 35 Grad am Nachmittag, na da werde ich aber morgen früh starten! Mit der ersten Gondel auf das Spieljoch und antesten, was den roten Strichen in der Karten in der Natur entspricht. Oh ja, die Trails sehen gut aus! Noch liegt keine Systematik im erkunden, trage mein Bike in einen markanten Sattel und probiere den ersten Trail: Nordseitig durch nasses, hohes Gras, Erdstufen, die man nicht erkennen kann, Erlengesträuch, das einen am Hang abdrängt – und da trage ich das Bike auch schon bergab! Na toll … Ist das der Alltag dieses Jobs? Anderer Tag, gleiches Dilemma: Muss ich nun wirklich bei der Affenhitze aus dem Schatten und das Bike durch den Hang hinauftragen? Fatalismus statt Motivation. Aber dann: Vor mir ein Trail über den flachen Bergrücken, dichte Erikabuschen überwuchern den Weg, machen ihn unsichtbar. Mit einem Schlag ist die Motivation wieder da: Für solche Trails lohnt sich all die schweißtreibende Arbeit. Ich lass mich bergab treiben, es ist wie die erste Spur im Tiefschnee – nur bleiben hinter mir keine sichtbaren Spuren zurück.

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Meist muss ich mir die Höhenmeter am Bike erarbeiten, aber an ein paar „Motivationstagen“ nutze ich die Gondel – hinauf zum Gerlosstein: Sanft führt mich der Trail in den Wald, die Erde ist etwas feucht. Erste Spitzkehre und ich versetze mein Hinterrad zwei, drei Mal um die Kurve zu schaffen. Bei dieser eleganten Kurven-Technik wird die Vorderbremse gezogen, der Körperschwerpunkt nach vorne verlagert, die Beine (ich fahre ohne Klickpedale) ziehen am Pedal das Hinterrad an und dabei wird dieses seitlich versetzt: „Hinterrad-Versetzen“. Extra Style-Punkte gibt es noch, wenn man am Vorderrad rollend durch die Spitzkehre zirkelt – das Hinterrad bleibt dabei in der Luft! Ist die Spitzkehre geschafft, folgt ein sanfter Trail. Wieder eine Spitzkehre. Wieder das Hinterrad versetzen und weiter cruisen. Der eigenartige Rhythmus hält an und im Gedanken überlege ich mir, welchen Schwierigkeitsgrad ich dem Trail geben soll: Er ist flach, breit und ohne Hindernis, aber jede Spitzkehre fordert meine volle Konzentration. Ohne Bodenkontakt geht’s dann doch nicht, im zweiten oder dritten Versuch klappt es dann aber und so geht’s spielerisch den steilen Hang hinunter. Der untere Teil des Trails wird direkter und steiler, am weichen, feuchten Waldboden kommen meine Reifen an ihre Haftgrenze, doch Bremsspuren will ich vermeiden. Auf der Asphaltstraße rolle ich zur Seilbahn zurück und lass’ mich nochmals hinaufbringen.

Davos muss sein

Ortswechsel. „Davos musst du machen! Das ist ein Trail-Paradies!“ Ich treffe Jürg am Bahnhof von Bludenz, übergebe ihm die Zillertal-Karten und sitze schon wieder im Zug. Am nächsten Tag regnet es in Davos.

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Gondelfahrt im Nebel, Regentropfen klatschen auf die Scheiben, GPS einschalten und Trails abfahren. Von wegen Paradies! Ich und mein Bike sind nach sechs Stunden derart paniert, dass nur der Hochdruckreiniger uns beiden helfen kann – wie an den nächsten Tage auch. Doch es wird besser, nein, genial: die Sonne wärmt, klare Luft, die Trails trocken auf und die gratis Bergbahnen bieten eine tolle Infrastruktur. Das Trailsurfen wird zum Genuss! Über ausgesetzte, felsige Bergrücken, dann wieder superschnelle flowige Wiesentrails, Davos ist wahrlich ein Paradies zum Biken!

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Nur ein Beispiel: Das Jakobshorn. Vier Trails, einer gehört den vielen Wanderern, die andern sind dafür umso genialer: Vom herannahenden Regen angetrieben, lass ich mein Bike ohne Pause auf dem erdigen Trail ins Sertig Dörfli rauschen. Adrenalin schießt schnell ein, der Flowzustand eliminiert jegliches Zeitgefühl, es gibt nur den Trail und mich, die Regentropfen spüre ich erst im Tal. Zufrieden blicke ich zurück. Für den schwersten Trail nach Teufi hinunter bin ich meinen Begleitern dankbar, dass sie dabei waren. Oder der Trail von der Pischa zum Hüreli und in den Chaliboden: Manche Trails bleiben für Lebenszeit abgespeichert. Oder im kalten, dichten Nebel von der Weissfluh die Wegspuren suchen, dann reisst der Himmel auf, Wanderer kommen in diesem Moment vorbei und ich kann ein feines Fotomotiv umsetzen.

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Minuten später bin ich wieder in Nebel gehüllt und spiele mich auf den Trails. Das ist der Bonus, den man mit Geld nicht kaufen kann, sondern selbst erfahren muss.

Unbekanntes PdS

Was kann Davos noch steigern? Portes du Soleil – überall als „PdS“ bezeichnet – kennen wir von den unzähligen Bikeparks. Aber gibt‘s hier auch Singletrails abseits der Downhill- und Freeride-Lines? Von Champéry geht‘s mit der Seilbahn hinauf: Ich finden nur ein riesiges Almgebiet mit Schotterstraßen und Bikeparks. Die Landschaft ist ja großartig, aber die Schweizer Karten versprechen weit mehr, als in der Natur vorhanden ist. Die Franzosen sind kein Wandervolk und die Trails werden wohl von den Kühen genutzt  – oder durch Schotterstraßen ersetzt. Andererseits: genau hier lohnt sich das Trailscouten, denn in Davos findet ja jeder blinde Biker einen Trail. „PdS“ ist von trial and error gekennzeichnet!

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Zwischenfrage: Aber warum werden in der swisstopo-Karte die Markierungen über die Trails und Straßen gelegt? Ob‘s ein Trail ist, lässt sich erst vor Ort feststellen. Das haben die Schweizer wohl nicht erfunden! Danke BEV, dass ihr die Markierung neben den Trail oder Straße einzeichnet.

Nach ein paar Tagen habe ich mehr Überblick und ich komme mir vor wie ein Pendler: Frühstück um 8 Uhr, jeden Tag die Gondel von Champéry um 9 Uhr, dann auf dem Trail nach Frankreich, dort Trails suchen und am Nachmittag ja nicht die letzte Bergfahrt um 17 Uhr verpassen, um eine der beiden Abfahrten nach Champéry zu nehmen, sonst wird‘s ein langer Abend!

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Aber es lassen sich feine Trails finden – auch abseits der Bikeparks. Etwa den genial angelegten, superflowigen Trail vom Tete du Tronchet hinunter nach Vionnaz. Weiter südlich gibts einen Trail in den Ortsteil Muraz, aber der wird knüppelhart: steil, grober Schotter, hohe Stufen: knapp 400 Höhenmeter in der schwersten Kategorie, der folgende Rest ist im Vergleich dazu ein Kinder­geburtstag. Nichts mit Kinder­geburtstag ist ein anderer Überraschungs-Trail: Feines Laub, dann wird‘s steil, der Trail ist immer wieder weggerutscht, hier fahre ich auf keinen Fall mehr! Tief unter mir rauscht der Bach in der Klamm, ein Stahlseil leitet über die gefährlichsten Stellen, ein fußbreiter Steig führt im engen Zick-Zack steil nach unten: Ich trag und schiebe mein Bike den Trail hinunter, im Tal werfe ich das Bike entnervt in‘s Gras – genug für diesen Tag! Am Abend zeichne ich launig einen Totenkopf zum Trail in die Karte.
 

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